„Filzdecke Ruhr“ von correctiv.org

Voerde ist zwar nur am Rande Gegenstand der Berichterstattung (die Angaben zur Sparkasse sind bspw. nicht auf dem aktuellen Stand) – dennoch: ein sehr informativer, wirklich lesenswerter Bericht.

Dieser mit massiven Nachteilen für die Bevölkerung verbundene Schwachsinn ist übrigens nicht überraschend vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis rot-grüner Landespolitik – Zitat:

2010 wurde diese Praxis offizielles Recht. Da verabschiedeten SPD und Bündnis90/Die Grünen in Nordrhein-Westfalen (NRW) das „Gesetz zur Revitalisierung des Gemeindewirtschaftsrechts“, das den städtischen Unternehmen erlaubte, auch außerhalb ihrer Städte zu investieren. Sogar im Ausland. Städtische Unternehmen sind an Hafenanlagen in China beteiligt, besitzen Tankstellen und forschen am selbstfahrenden Auto. Die Ruhrgebietsstädte besitzen drei Flughäfen, Kraftwerke auf den Philippinen und Windräder in der Nordsee.

So ähnlich wie in Voerde – Zitat:

Dass die Grünen – einst angetreten, den Filz zu lüften – längst dazugehören, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Doch auch solche Fälle gibt es. Nehmen wir Börje Wichert, Chef der Grünen im Ruhrgebiet. Wichert taucht nicht im VEB-Atlas Ruhr auf. Dafür ist er als Bereichsleiter einer kommunalen Firma nicht wichtig genug. Dennoch ist seine Geschichte erwähnenswert. 2014 nahm Wichert an den Koalitionsverhandlungen mit der SPD im Ruhrparlament teil. Es ging darum, eine riesengroße Koalition zu schmieden, von CDU über SPD bis Grüne. Noch während der Verhandlungen bekam Börje Wichert einen neuen Job bei der kommunalen Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr GmbH (WMR), einem Unternehmen, das dem Ruhrparlament zugeordnet ist, als Bereichsleiter für Standortmarketing. Was qualifiziert Börje Wichert für diese Aufgaben? Wenig – außer seinem Parteibuch. In einem Interview mit dem „Pottblog“ aus dem Jahre 2010 äußerte sich Wichert zu seiner Ausbildung: Er habe mal ein paar Semester Jura studiert. Dann war er Kreisgeschäftsführer der Grünen im Ennepe-Ruhr-Kreis, wissenschaftlicher Mitarbeiter des auf Behindertenfragen spezialisierten grünen Bundestagsabgeordneten Markus Kurth und am Ende im Referat „Grundsatzfragen der Mobilität“ im Verkehrsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Aufgaben, die mit zwei Dingen nie etwas zu tun hatten: mit Wirtschaftswissenschaft und der Vermarktung von Wirtschaftsstandorten. Dennoch konnte sich Wichert gegen acht Bewerber durchsetzen, was nach Angaben der WMR nichts mit seinem Parteibuch zu tun hatte. Die Frage, warum die anderen Bewerber noch schlechter waren als der Abschlusslose Börje Wichert, ließ die WMR offen. Vielleicht zieht das Wirtschaftsförderungsunternehmen des Ruhrgebietes auch einfach nur unqualifiziertes Personal an.

Eines der Lieblings-Schlagworte der ganz großen Voerder Koalition: das angebliche „Tafelsilber“ ™; auch dazu findet sich ein passendes Zitat:

Die städtischen Unternehmen und Beteiligungen werden von Politikern im Ruhrgebiet gern romantisierend „unser Tafelsilber“ genannt. Der Schatz, der Notgroschen, den man auch in schlechten Zeiten nicht anrührt. Vor allem die Aktien des Energiekonzerns RWE sind solches „Tafelsilber“. 2005 verkaufte Düsseldorf seinen Anteil an RWE und tilgte so sämtliche Schulden. In anderen Städten sorgte das für Stirnrunzeln. Thomas Eiskirch (SPD), heute Oberbürgermeisterkandidat in Bochum, etwa sagte: „Es ist mir völlig unverständlich, wie man so über einen Verkauf von Anteilen von RWE nachdenken kann. Dies zeigt ein völlig falsches Verständnis von nachhaltiger Wirtschafts- und Energiepolitik.“ Nun ja. Ende 2007 lag der Kurs von RWE bei fast 100 Euro. Heute liegt er bei knapp 19 Euro. Der Verfall des Aktienpreises belastet die Haushalte schwer. Ob RWE in Zukunft jemals wieder Dividenden auszahlt, gilt nicht als sicher. Düsseldorf ist unterdessen so gut wie schuldenfrei und hat Kindergärten, in denen Eltern ihre Kleinen ohne zusätzliche Beitragszahlungen unterbringen können. Im Ruhrgebiet ist das undenkbar: kostenlose Kindergärten für alle. Dafür hält man im Pott aber immer noch die immer wertloseren RWE-Aktien – das so genannte Tafelsilber. Und häuft munter weiter Unternehmen an.