Antwort des Hessischen Rundfunks (zur „Leihstimmendebatte“)

Sehr geehrter Herr Benninghoff,
haben Sie vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihre darin zum Ausdruck gebrachte, kritische Begleitung unserer Wahlberichterstattung. Für die verzögerte Antwort bitte ich um Entschuldigung, mich hat leider die Grippewelle nicht verschont.

Sie bemängeln in Ihrer Einlassung zu Recht den Begriff „Leihstimme“. Tatsächlich haben Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen und ich ganz bewusst den stimmigeren Terminus „Stützstimmen“ verwendet, sowie von „sogenannten Leihstimmen“ gesprochen. Dies just aus dem auch uns natürlich vertrauten Grund, den Sie nennen: „Leihstimme“ ist sprachlich nicht korrekt, sie wird nicht „verliehen“, kann nicht zurückgefordert werden. Da der Begriff aber umgangssprachlich gebräuchlich ist, haben wir nicht komplett darauf verzichtet, sondern jeweils in Kombination mit dem treffenderen Begriff „Stützstimmen“ und dem Hinweis „sogenannte“.

Ihre Anmerkung, dass viele Wähler strategisch abstimmen, ist natürlich vollkommen korrekt. Deshalb betonen wir bei unseren regelmäßigen Politbarometern auch stets Faktoren wie wahltaktische Überlegungen und Parteibindungen, die in unsere Prognosen einfließen.

Richtig ist auch, dass die zuletzt veröffentlichten Umfrageergebnisse im Vorfeld der Wahl nicht den Wahlergebnissen entsprachen. Dies war allerdings – anders als für die kommentierende Öffentlichkeit – für die Wahlforscher keine Überraschung: nach der bisher gängigen Praxis veröffentlichen ARD und ZDF in der Woche vor der Wahl keine Umfragen mehr. Die letzte veröffentlichte Umfrage des ZDF datierte also vom 10. Januar, dem Tag des PB extra Niedersachsen. Die Projektion zeigt die damaligen politischen Kräfteverhältnisse. In Niedersachen verschoben sich aber insbesondere die Kräfteverhältnisse zwischen CDU und FDP in der Woche vor der Wahl merklich. Diese Tendenz war in den internen, aber nicht veröffentlichten Umfragen deutlich erkennbar. Die Prognose am Wahlabend zeigte um 18 Uhr deshalb auch ein Kräfteverhältnis, das dem vorläufigen amtlichen Endergebnis sehr nahe kam. Lediglich das ungemein knappe Ergebnis sorgte in Kombination mit dem komplizierten niedersächsischen Wahlrecht daf

ür, dass eine exakte Vorhersage, ob Rot-Grün oder Schwarz-Gelb minimal stärker sein würden, unmöglich war.
Eine der Konsequenzen aus dieser immer häufiger spät stattfindenden Wählerentscheidung ist ein hausinterner Diskussionsprozess, ob wir die Regel der veröffentlichungsfreien Woche aufheben. Wobei natürlich sorgfältig abgewogen werden muss, ob und inwieweit der Wähler dadurch beeinflusst werden könnte – und wenn ja, ob dies einer möglichen Beeinflussung durch „alte“ Daten nicht vorzuziehen ist. Genau diese Diskussion findet derzeit statt.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Ausführungen geholfen zu haben und würde mich freuen, wenn Sie unser Programm auch weiter mit kritischem Interesse verfolgen.

Mit freundlichen Grüßen

Theo Koll
Leitung HR Politik und Zeitgeschehen