Der WDR antwortet

Sehr geehrter Herr Bennninghoff,

recht herzlichen Dank für Ihre Mail zu unserer Wahlsendung am vergangenen Sonntag. Sie haben sich mächtig geärgert, das lese ich und ich freue mich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben dies auch zu schreiben. Zum einen gibt mir das die Möglichkeit der Erläuterung, zum anderen ist für uns natürlich wichtig in positiven, wie in negativen Kritiken zu lesen, wie unsere Berichterstattung ankommt.

Ich verstehe, dass Sie vor allem zwei Punkte geärgert haben.Bei Ihnen ist der Eindruck entstanden ich sei „ungehalten“ gewesen, weil das Wahlergebnis nicht den Umfragen entsprochen hätte. Und ganz besonders hat Sie der Begriff Leihstimmen geärgert.

Zum ersten Punkt: Ich kann Ihnen versichern: Ich war überhaupt nicht ungehalten, sondern hoch erfreut. Denn das spannendste, was mir als Moderator an einem solchen Abend passieren kann sind unerwartete Entwicklungen und knappe Ergebnisse. Unsere Umfragen haben ganz ausdrücklich nicht den Anspruch irgendwas vorherzusagen, vielleicht haben Sie zufällig die Veröffentlichung unserer Vorwahlumfrage am 10. Januar in den Tagesthemen gesehen. Um dies ganz, ganz deutlich zu machen haben wir auf die Grafik extra einen Stempel mit der Aufschrift „keine Prognose“ gesetzt. Gemessen hat Infratest dimap zu diesem Zeitpunkt für uns die Stimmung in der Anfangswoche dieses sehr kurzen Wahlkampfs. Danach haben dann Entwicklungen eingesetzt, die wir durch weitere Befragungen auch gut nachzeichnen können.

Gerade weil Umfragen und Wahlergebnisse durch den Zeitverzug immer unterschiedlich sein müssen verzichten wir übrigens in der letzten Woche vor der Wahl in der ARD freiwillig auf Veröffentlichungen. Es wäre dann noch schwerer dem Eindruck zu begegnen, wir würden etwas vorhersagen wollen.

Nun zur Frage der „Leihstimmen“: Sie haben Recht, der Begriff ist eine Verzerrung. Leider ist er seit den 70er Jahren gebräuchlich und wurde insbesondere im Januar in der politischen Diksussion zwischen Union und FDP immer wieder benutzt. Deshalb haben wir ihn uns für unsere Umfragen zu eigen gemacht. Wir haben unter FDP-Wählern ausdrücklich Nachfragen vorgenommen, aus welchen Motiven heraus sie für die FDP gestimmt haben und das extrem überraschende war, dass über 80% der FDP-Wähler erklärten, eigentlich sei die CDU die Partei, die ihnen am nächsten stünde. Sie hätten aber FDP gewählt, um die bisherige Landesregierung zu stuützen. Und in Fortführung der Fragestellung wollten wir dann wissen, ob sich diese Wähler ausdrücklich dazu bekennen eine Leihstimme vergeben zu haben und auch hier antworteten noch fast 70% mit ja. Letztlich haben wir abgebildet mit welchem Selbstverständnis viele FDP-Wähler/innen ihr Kreuz gemacht haben.

Gleichwohl nehme ich Ihren Brief gern zum Anlass den Begriff vorsichtiger zu benutzen und ihn vielleicht auch hörbar in Anführungszeichen zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Schönenborn

Chefredakteur FS
Westdeutscher Rundfunk
Appellhofplatz 1
50667 Köln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s